Busfahren ist nix für Hypochonder

Der Himmel weinte wie wohl sonst nur Guido, wenn ihm die neuesten Umfrageergebnisse der FDP gereicht werden. Dr. Huch stand am Bahnhof, tropfte vor sich hin und blickte sehnsüchtig auf den gähnend leeren Taxenstand.

Nun, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber bei Sauwetter hat auch sie nur eine geringe Lebenserwartung. Zufällig näherte sich gerade ein Linienbus, der Dr. Huch gegen geringes Entgelt eine Mitfahrt in Richtung seines Zieles und ein wenn auch temporäres Dach über dem Kopf versprach. Nicht feige gesellte er sich also zu der wartenden Meute, nichts Böses ahnend, denn der Blick in das Innere dieses öffentlichen Verkehrsmittels war durch bechlagene Scheiben gnädig versperrt.

Spätestens hier hätten Dr. Huchs Überlebensinstinkte Alarm schlagen müssen, aber da Männer nun mal nicht zwei Dinge gleichzeitig tun können, belegte das Kleingeldrauskramen und -nachzählen alle verfügbaren grauen Zellen, und so nahm denn das Unglück unaufhaltsam seinen Lauf.

Als nämlich Dr. Huch die Stufen zum Busfahrer hinauf erklommen und seinen Obulus entrichtet hatte, schreckte ihn plötzlich ein vertrauter, wenn auch seit mehr als einem Vierteljahrhundert nicht mehr wahrgenommener Geruch aus seinen Gedanken. Oh Gott. Die undurchsichtigen Fenster waren nicht auf irgendwelche Unterschiede zwischen Innen- und Außentemperatur oder -luftfeuchtigkeit oder sonstwas Naturwissenschafliches (Dr. Huch war in Physik eine Niete) zurückzuführen, sondern auf den Aus-Atem einer unüberschaubaren Horden von Schülern. Ja, genau, Schüler, die gibt es tatsächlich noch. Unser wackerer Held konsumiert täglich verschiedenste Presseerzeugnisse und war bisher fest davon überzeugt, dass wir ein aussterbendes Völkchen sind. Irgendwer hatte aber wohl vergessen, die Eltern dieser Meute davon zu informieren, die offensichtlich immer noch der alten Seid-fruchtbar-und mehret-euch-Philosophie frönten.

Wo war er nur hingeraten, nun gut, Dr. Huch beschloss, das Beste aus der Situation zu machen und zog sich in sich selbst und die Position eines neutralen Beobachters zurück. Besser gesagt, er mühte sich redlich, aber die Teile seines Gehirns, die für hypochondrisches Gedankengut anfällig sind (und das dürften mehr als 99% sein) rekapitulierten munter alle ihm bekannten Kinderkrankheiten, Volksseuchen und Pandemien, deren Urheber vom Stamme der Viren und Bakterien in der Treibhausluft des Gefährts fröhlich Urständ feierten, und gegen die sein Immunsystem sicherlich noch keine Antikörper auf Lager hatte. Hust, Rotz, Schnüffel, Schnief, die Geräuschkulisse war beängstigend.
Die angenehmen Gedanken an eine bevorstehende Infektion mit der Schweinegrippe wurden nur durch häufige und zum Ausgleich dafür heftige Schläge und Stöße unterbrochen, als der Bus schließlich losfuhr und Dr. Huch versuchte, seinen haltlosen Zustand zu beenden und sich auf seinem Stehplatz halbwegs kommod einzurichten.

War es eigentlich ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, dass keines der kleinen Monster aufstand, um Dr. Huch einen Platz anzubieten? Sprach das nun für seine immer noch vor Virilität und jugendlichem Elan strotzende Ausstrahlung oder gegen die heutige Jugend und ihren Sinn für Höflichkeit? Da auch für keinen der anderen der zugestiegenen Voll- und Überjährigen, die teilweise das Rentenalter definitiv erreicht hatten, einer der Pennäler aufstand, traf vermutlich letzteres zu.

Fortsetzung folgt.

Ein Kommentar zu „Busfahren ist nix für Hypochonder

  1. *schmunzelvormichhin*

    Du weißt gar nicht, wie sehr ich diese Ängste nachempfinden kann…

    P.S. Bist du nun mit irgendeiner dieser bestialischen Seuchen darniedergelegen, oder wurdest du wie durch ein Wunder verschont…?

    Mit lb.Gruß, TLU

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