Farbe, die (v)erschreckt

Geht Ihnen das auch so? Unmenschlichkeiten in Sepia-Braun; Monochrom marschierende Soldatenkolonnen und Riefenstahls Propagandfilme; die Deutsche Wochenschau von 1942 mit grauen Afrikakorps-Panzern im hellgrauen Sand; befreite Konzentrationslager und ihre wenigen (makaberer Weise auch manchmal noch in gestreifter Häftlingskleidung gefilmten) schwarzweißen Überlebenden, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen; zerbombte, rußgeschwärzte Städte und verbrannte Leichen in den Trümmern. Alles schrecklich. Aber auch schrecklich lange her und schrecklich weit weg.

Immer trieft aus solchen Filmen das Alter, die sichere Entfernung von unserer ach so modernen Zeit, wie leicht, sich davon zu distanzieren. Ja, das war halt damals, heute ist ja alles ganz anders, vielfarbig, multimedial, volltönend. Das waren ja ganz andere Leute zu der Zeit, kein Vergleich zu uns aufgeklärten Mitteleuropäern von heute.

Und dann kommts. Farbfilme, die das Alltagsleben vor dem Krieg zeigen. Wuselige Städte voller Menschen, mit Straßenbahnen, Leuchtreklamen, Eisdielen, Kaufhäusern. Mittelalterliche Altstädte mit Fachwerk, das nicht in den 50er Jahren gemauert wurde, sondern 500 Jahre früher. Leute, die ganz normal ihre Arbeit verrichteten, ins Büro gingen, einkauften, tanzten, Tennis spielten. Die bunte Kleider trugen und deren Häuser gelb oder blau gestreichen waren, mit Gärten davor, in denen Blumen blühten.

Soldaten, die durch Frülingslandschaften marschierten, die Uniformen noch feldgrau, aber drum herum grüne Wälder und Wiesen. Rotes Blut, gelbe Flammen, rosa oder aschfahle Gesicherter. Rotschwarzweiße Hakenkreuzfahnen und wogende vielfarbige Menschenmengen.

Wo ist der Unterschied zu heute? Ja, gut, die Klamotten sehen etwas Retro aus, und die Telefone hatten Wählscheiben, aber irgendwie kann ich plötzlich nicht mehr die Gnade der späten Geburt in Anspruch nehmen und die Vorkriegsmenschen ins gedankliche Mittelalter verbannen. Und dann die Color-Aufnahmen, die amerikanische Soldaten vom besiegten Deutschland machten, kaputte Städte, hungernde Menschen in Lumpen, erschreckend und viel viel „closer to home“ im wahrsten Sinne des Wortes als monochrome Flüchtlingstrecks oder Bomberverbände.

War es vielleicht sogar Absicht, dass viele Farbaufnahmen, deren Existenz ja lange bekannt war, im stillen Kämmerlein liegen geblieben sind, weil man damit einen Schutzwall um die Vergangenheit legte? Schließlich konnte man ab 1936 von Agfa und Kodak Farbfilme kaufen, und, wie es heute heißen würde, technikaffine Fotoamateure zogen durch das Land und nutzen begeistert das neue Medium. Erst heute tauchen immer mehr Bilder aus Nachlässen oder Sammlungen auf, und sie verschrecken mich, weil sie mein Bild von „damals“ ins Wanken bringen. Meine Neuzeit begann eigentlich erst so Anfang der 70er, als farbige Schmalfilme des Familienlebens entstanden und grüne Hubschrauber gelbes Mündungsfeuer über Agent Orange entlaubte vietnamesische Wälder auf die ersten Farbfernseher spuckten. Schätze, da muß ich was korrigieren in meinem Weltbild, es gibt den begründeten Verdacht, dass die Welt auch schon vor dieser Zeit nicht erst per Hand nachkoloriert werden mußte.

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