Warum ich glaube, dass es mit dem Euro kein gutes Ende nehmen wird.

[Dieser Post ist eine Gedankensammlung und daher ein wenig unstrukturiert. Ich bitte um Nachsicht.]

Ja, ich gebe zu, dereinst war ich auch Optimist, ein wenig wider besseren Wissens hat mich die Euro-Idee durchaus fasziniert. Ja, mir war bewußt, dass die Zeit eigentlich noch nicht reif war für die Gemeinschaftswährung, aber ich hatte die Hoffnung, dass sich das alles schon irgendwie zurechtlaufen würde. Die Vernunft würde siegen und kreative Lösungen den Euro zu einer Erfolgsgeschichte machen.

Pustekuchen.

Heute, viele viele Krisengipfel, Vertragsbrüche und Rettungen in letzter Minute später, stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Mein Vertrauen in die europäischen Selbstheilungskräfte („Alles-wird-gut-Mantra“) ist nachhaltig erschüttert.

Letztendlich ist die Stimmung mittlerweile in Europa so mies, dass es einen wahren Meisterkommunikator bräuchte, um sie noch wieder zu drehen. Der ist unter dem europäischen Führungspersonal derzeit weit und breit nicht in Sicht.

Eigentlich hat niemand das bekommen, was er bestellt hat. Die Deutschen haben sich nur deswegen beschwatzen lassen, die geliebte D-Mark aufzugeben, weil ihnen das Blaue vom Himmel versprochen wurde was Unabhängkeit der Zentralbank und Eindeutigkeit der Verträge (Maastricht) betraf. Nun ist genau das passiert, was anno dazumal von einer kleinen, aber recht lautstarken Gruppe von Euro-Kritikern (die ja damals die höchsten Gerichte bemüht hatten, aber scheiterten) vorhergesagt wurde. Die Transfer- und Haftungsunion ist Tatsache, allerdings ohne die nötigen Strukturen, um sie zu steuern. Mit Ruhm bekleckert hat sich Deutschland nicht, wenn man selber einen Regelbruch begeht liefert man damit allen anderen eine Steilvorlage und macht es dann verdammt schwer, später den Zuchtmeister rauszukehren.

Für die Franzosen war der Euro immer weniger ein Mittel, Europa zu stärken, sondern vor allem eines, um Deutschland zu schwächen bzw. in Schach zu halten. Dieser Plan ging leider ziemlich nach hinten los. Eine ungute Melange aus Staatsgläubigkeit, Reformfeindlichkeit, Realitätsverweigerung und Selbstüberschätzung hat die Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs stark beeinträchtigt, wirklicher Wille, die Probleme anzupacken, ist bei der Regierung Hollande (und im Volk) nicht zu erkennen. Selbst Sarkozys Minireförmchen wurden wieder zurückgedreht. Früher hätte man einfach die Notenpresse angeworfen und neue neue Francs gedruckt und alles wäre wieder gut.

Die Spanier hatten tolle Boomjahre, hätte man damals korrigierend eingegriffen und z.B. die Regeln für Hypotheken etwas restriktiver gefaßt (wäre rechtlich kein Problem gewesen), dann wäre die Immobilienblase vermutlich beherrschbar geblieben und das Land säße jetzt nicht im selben Sündertopf wie Griechenland. Was ein wenig unfair ist, denn, und da gebe ich Herrn Krugmann recht, die Spanier hatten eigentlich kein Problem mit ausufernden Staatsschulden.

Italien ist, nun, Italien. Eigentlich stinkreich, aber das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat und zur politischen Kaste ist arg gestört bzw. noch nie wirklich ein gutes gewesen. Eine verkrustete Bürokratie, wenig Unrechtsbewußtsein wenn es darum geht, den Staat abzukochen, organisierte Kriminalität, handlungsunfähige Politiker, ein schwerfälliger Justizapparat, mächtige Populisten, kurzum, eine Gemengelage, die für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes nichts Gutes verheißt. Das ist alles nichts Neues, bisher hat man sich auch immer irgendwie durchgewurschtelt und Italien ist nicht Andorra. Italien hat Industrie, Konsum, Wirtschaftskraft. Aber wo früher noch die Banca d’Italia aushelfen und die Lire abwerten konnte, da ist man nun an die EZB gekettet. Und Draghi macht zwar zweifelhafte Dinge, aber eben nicht die, die seine Landsleute sich eigentlich von ihm erwarten würden. Ohne Ende Staatsanleihen kaufen zum Beispiel. italienische bevozugt.

Über Griechenland und Zypern will ich gar nicht erst reden. Allen gemein ist, dass man die Schuld für den Schlamassel niemals bei sich selber sondern immer bei den Deutschen sucht. Denen wirft man vor, sich auf Kosten der Südländer zu bereichern, es wird als ungerecht empfunden, dass die Investoren Deutschland noch Geld dafür geben, wenn es sich welches von ihnen leiht. Herzlos und unsolidarisch, unkreativ auf Vertragstexte pochend und solides Wirtschaften verlangen, wo doch fröhliches Geldausgeben zur Ankurbelung der Wirtschaft nötig wäre, nein, beliebt sind wir derzeit wirklich nicht da unten.

Die Deutschen wiederum sehen sich als Weihnachtsgans, ungeliebt und von allen ausgenommen, des Imperialismus bezichtigt und auf Schritt und Tritt mit Nazi-Vergleichen konfrontiert. Für „moral hazard“ gibt es kein deutsches Wort, aber dass man denen da im Süden nicht trauen kann, diese Überzeugung hat nicht zuletzt Berlusconi mit seinen gebrochenen Reformversprechen befördert. Target2-Salden, Haftungssummen in Billionenhöhe, da wird dem Michel Angst und Bange.

Allerorten alte Vorurteile, frisch aufgebrüht, Misstrauen, teilweise offener Hass, Hoffnungslosigkeit, völlig unterschiedliche Vorstellungen von guter Staatsführung, Wirtschaftspolitk, Rolle der Notenbank, nein, der kleinste gemeinsame Nenner, der ist mittlerweile nut noch mit dem Mikroskop zu erkennen. Eine europäische Öffentlichkeit existiert nur in Ansätzen, Sprachhürden erschweren die Verständigung, das Vertrauen ins europäische Institutionen ist auf dem Tiefpunkt angelangt, die letzten Idealisten (so wie der Autor dieser Zeilen) geben entnervt auf.

Der Euro (und die europäische Einigung) werden massive Rückschläge hinnehmen müssen, weil sich bisher keiner um die Psychologie der Krise gekümmert hat.

Technokratische Lösungsvorschläge gibt es reichlich, insbesondere aus der Anglo-amerikanischen Ecke kommen haufenweise Patentrezepte. Aber wie man einem Deutschen beibringt, dass er letztlich für jeden Lösungsvorschlag mit der Entwertung seiner Sparguthaben bezahlen muss, dafür hat noch keiner einen Plan auf den Tisch gelegt. Dabei ist der Deutsche an sich ein hilfsbereites Kerlchen, und würde man sicherstellen, dass die Hilfe auch den wirklich Hilfsbedürftigen zugute käme, den von der Krise am härtesten Betroffenen, ja, dann würde ihm wohl Herz und Geldbeutel aufgehen. Würde es gelingen, zu vermitteln, dass da wirklich Menschen wie du und ich unmittelbar betroffen sind, nicht nur korrupte griechische Politiker, italienische Mafiosi, geldgeile Banker oder russische Oligarchen, dann, ja dann…aber, wie gesagt, ich sehe es nicht. Leider.

Demonstranten in Athen werden also weiterhin Hitlerbärtchen auf Merkelposter kleben und Stammtische in Castrop-Rauxel werden weiter über faule und undankbare Griechen herziehen. Euro-Eliten werden weiterhin mehr Kompetenzen und Geld für Brüssel fordern, nationale Politiker werden weiterhin die EU für alles verantwortlich machen, was sie selber verbocken. Und irgendwann platzt irgendwem der Kragen und das ganze Kartenhaus bricht zusammen. Wahrscheinlichkeit, dass das noch vermieden werden kann: maximal 10%, wenn man mich fragt. Und das ist schon die optimistische Schätzung.

Nur, wie bekommt man Europa zu den Bürgern? Wie macht man es für Otto Normalverbraucher begreif- und fühlbar? Sicher, für die subventionsverwöhnten  Landwirte ist Europa schon lange ganz real, und auch die vielzitierten Eliten, die für multinationale Firmen arbeiten oder die Erasmus-Stipendiaten haben im Alltag mit den Vorzügen der EU Berührung. Aber der Schlachtergeselle in Oberfranken, der Postangestellte in Mailand oder die Textilverkäuferin in Lyon, für die ist Europa doch ein sehr abstraktes Konstrukt.

Ideen gibt es durchaus, eine europäische Arbeitslosen- oder Rentenversicherung z.B., die jedem EU-Bürger, unabhängig von der Nationalität, die gleichen Pflichten abverlangt und Leistungen garantiert. Aber überhaupt erstmal das Bewußtsein dafür zu schaffen, dass man EU-Bürger und das damit auch eine gewisse Rechtsposition verbunden ist, davon sind wir noch weit weg. Wenn ich beispielsweise lese, dass ein Schotte seine EU-Bürgerschaft automatisch verliert, wenn Schottland vom Vereinigten Königreich unabhängig wird, dann gibt mir das zu denken.

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